Grußwort von Thorsten Bröcker, Hauptgeschäftsführer des vem.die arbeitgeber e.V. anlässlich des Industriedialogs Rhein-Mosel am 4. Juli 2017

Digitaler Notstand in Schulen, Deutschland Schlusslicht bei MINT-Fächern, Dieselgate, Millionenboni für Manager, ….

Diese und andere Überschriften konnten Sie allein in den letzten zwei Wochen der Presse entnehmen.

Ich darf Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, ganz herzlich im Namen aller Initiatoren des Industriedialogs Rhein-Mosel hier in Koblenz begrüßen. Jeder Einzelne von Ihnen ist mir wichtig und deshalb verzichte ich wegen der großen Anzahl auf eine namentliche Begrüßung Einzelner und hoffe dafür auf Ihr Verständnis. Auch wenn die Industrie brummt und wir erneut ein Rekordjahr erwarten, braucht jeder auch einmal etwas Zeit zum Verschnaufen. Daher sind heute wohl deutlich mehr Eingeladene im verdienten Jahresurlaub als hier in der Rhein-Mosel-Halle. Gleichwohl bin ich davon überzeugt, dass wir gemeinsam mit Ihnen bereits heute erste Weichen für die Zukunft und für eine moderne Industriepolitik stellen werden.

Kommen wir zurück auf MINT-Schlusslicht, Dieselgate und Co. Welches Bild wirft das auf unsere Gesellschaft? Welches Bild auf unsere Industrie? Und vor allem: Welches Bild hat unsere Gesellschaft, haben die Anwohner, haben Freunde und Bekannte von unserer Industrie?

Die deutsche Industrie ist mittelständisch geprägt. Rund die Hälfte aller Industriebeschäftigten in Deutschland arbeitet in Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern und 95 Prozent aller Industriebetriebe haben weniger als 500 Beschäftigte. Diesen klassischen Mittelstand finden Sie hundertfach – auch und gerade hier an Rhein und Mosel, im Hunsrück, dem Westerwald und der Eifel.

Wenn Sie als Unternehmer heute ein Blockheizkraftwerk, eine neue Produktionshalle, ein Hochregallager oder ein firmeneigenes Klärwerk planen stoßen Sie oft auf Widerstand aus dem unmittelbaren Umfeld. Natürlich kann Produktion laut sein, verursacht Abfälle und Emissionen, braucht Flächen und Zuwege. Aber die Industrie in Deutschland tut alles, um diese Belastungen so gering wie möglich zu halten. Auch darin sind wir weltweit Spitze.

Lärm, Rauch und Ruß sind in unseren Industrieunternehmen heute meist kein Thema mehr. In vielen Unternehmen können Sie sogar vom Fußboden essen – so sauber geht es da zu. Riskieren Sie das einmal in einem Krankenhaus… Auch bleibt die weiße Wäsche heutzutage auf der Wäscheleine im Garten sauber. Früher musste der ein oder andere Waschgang wiederholt werden. Als Kind des Ruhrgebiets kann ich mich noch sehr gut an zahlreiche Smog-Fahrverbote und viele rauchende Schlote in den 80er-Jahren erinnern. Etwas, dass viele von uns heute nur noch aus Berichten über China kennen…

Warum das so ist, ist Insidern natürlich hinlänglich bekannt: 5S, Arbeitsschutz, gekapselte Maschinen, High-Tech-Dämmungen, Filteranlagen und viele Millionen Euro Investitionen später –auch zum Schutz von Beschäftigten, der Umwelt und von Nachbarn – ist unsere Industrie mit dem Bild der Industrie aus der Mitte des vorherigen Jahrhunderts nicht mehr zu vergleichen. Und das ist gut so.

Meine Damen und Herren,

gemeinsam mit Ihnen wollen wir heute den zum Teil immer noch in den Köpfen vorhandenen alten und überholten Bildern von unserer Industrie und deren Arbeitsbedingungen entgegenwirken. Denn unsere Industrie ist und bleibt der Motor von Fortschritt und Wohlstand. Während in der Gesamtwirtschaft die Produktivität seit Jahrtausendbeginn um knapp 20 Prozent stieg, legte die Industrie um knapp 35 Prozent zu. Nur dank starker Industrie hat Deutschland die Weltwirtschaftskrise 2009 weitgehend unbeschadet überstanden.

Bedenken Sie: Jeder fünfte deutsche Arbeitsplatz ist ein Industriearbeitsplatz. An jedem Arbeitsplatz in der Industrie hängen nicht nur eine Familie, ein Häuschen oder eine Wohnung, ein bis drei Autos, sondern jeder Industriearbeitsplatz sichert je nach Branche zwei bis vier weitere Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, der Verwaltung, Ingenieurbüros, Anwaltskanzleien, Hotels, dem örtlichen Handel, in Logistikunternehmen oder beim Bäcker um die Ecke. Alle profitieren von der Industrie und deren Beschäftigten. Das gilt auch für den Staat: Dessen derzeit auf allerhöchstem Niveau sprudelnde Steuereinnahmen sind maßgeblich industrieinduziert. Die Industrie und ihre Beschäftigten sind die Hauptsteuerzahler Deutschlands. Auch deshalb, weil die Industrie höhere Entgelte als andere Branchen zahlt…

Und wie sieht’s mit der Zukunft aus? Wer forscht und wer entwickelt neue Produkte und Verfahren? Wieder ist die Industrie mit 85 Prozent ganz vorn dabei.

Warum aber sollen Industrieunternehmen weiter in den Standort investieren, weiter forschen, weiter in ihre Mitarbeiter investieren und weiter gut ausgebildeten und qualifizierten Nachwuchs umwerben, wenn Ihnen zeitgleich Politik, Infrastruktur – egal ob digitale Infrastruktur oder Ver-kehrsinfrastruktur –, sonstige Rahmenbedingungen und manchmal auch Nachbarn in die Suppe spucken?

Wer die Kuh melken will muss sie auch füttern. Zukunftsfähige Straßen- und Schienennetze und digitale Infrastrukturen sind lebensnotwendiges Futter für unsere Industrie. Die Industrie ist und bleibt die unverzichtbare Basis unseres Wohlstandes und des sozialen Zusammenhalts unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der auch unsere Kinder leben werden.

Verehrte Gäste, daher lade ich Sie ein, im Anschluss an das Grußwort von Wilfried Stenz gemeinsam mit uns die Weichen für eine zukunftsweisende Industriepolitik zu stellen und die Bedeutung der Industrie für unser Land und die Voraussetzungen für deren weitere erfolgreiche Tätigkeit herauszuarbeiten.